access_time veröffentlicht 12.07.2017

Subdurales Hämatom und Antikoagulanzien: Risiko?

Prof. Dr. med. Antoine de Torrenté

Und anderswo ...? (online first)

Subdurales Hämatom und Antikoagulanzien: Risiko?

12.07.2017

Fragestellung

Es gibt zwei Arten subduraler Hämatome, akute (meist infolge eines Traumas) und chronische. Bei letzteren kann es Wochen dauern, bis sie sich klinisch manifestieren. Häufig ­treten sie nach einem leichten Trauma auf. Seit 1980 ist die Inzidenz subduraler Hämatome insbesondere aufgrund der Überalterung der Bevölkerung gestiegen. Überdies hat die Anwendung von Antikoagulanzien in Form von Thrombozytenaggregationshemmern, neuen oralen Antikoagulanzien oder Vitamin-K-Antagonisten stark zugenommen. Welche Rolle spielen diese Behandlungen bezüglich des Auftretens subduraler Hämatome und sind einige Medikamente gefährlicher als andere?

Methode

Wieder einmal war es dank Dänemark mit seinen riesigen Datenbanken möglich, diese Fragestellung von 2000–2015 in einer Beobachtungsstudie zu untersuchen. Die Fälle mit der Diagnose eines subduralen Hämatoms waren 20–89 Jahre alt und stammten aus dem nationalen Patientenregister. Jeder Fall wurde 40 Kontrollpersonen aus dem Bevölkerungsregister gegenübergestellt, die nach Geschlecht und Alter gematched wurden. Die Verordnung eines Antikoagulans wurde dem Verschreibungsregister von 1995 bis Tag 1 der Studie entnommen. Die Studienteilnehmer wurden in Anwender (≥1 Verschreibung) oder Nichtanwender unterteilt. Es wurde die Anwendung von niedrig dosierter Azetylsalizylsäure, Clopidogrel und verwandten Medikamenten, Vitamin-K-Antagonisten sowie neuen oralen Antikoagulanzien untersucht.

Resultate

In die Studie wurden 10 010 Patienten mit subduralem Hämatom und einem Durchschnitts­alter von 69 Jahren eingeschlossen, 35% waren Frauen. 47,3% nahmen Antikoagulanzien ein. Die Odds Ratio (OR) für die Entwicklung eines subduralen Hämatoms betrug für die verschiedenen Antikoagulanzienklassen: 1,24 bei niedrig dosierter Azetylsalizylsäure, 1,87 bei Clopidogrel und verwandten Medikamen­ten, 1,73 bei den neuen oralen Antikoagulanzien und 3,69 bei Vitamin-K-Antagonisten. Das höchste Risiko bestand mit einer OR von 7,93 bei der Anwendung eines Vitamin-K-Antagonisten in Kombination mit einem Thrombozytenaggrega­tionshemmer. Überdies nahm die Inzidenz für subdurale Hämatome von 11/10 000 Personenjahren im Jahr 2000 auf 19/10 000 Personenjahren im Jahr 2015 zu.

Probleme

Leider liegen keine Daten über den INR-Wert der Patienten unter Vitamin-K-Antagonisten vor. Laut den Autoren wurden einige Hämatome möglicherweise nicht erkannt.

Kommentar

Diese Studie zeigt eine hervorragende Möglichkeit auf, wie in einem gut organisierten Gesundheitssystem erfasste Daten genutzt werden können. In den letzten Jahren hat ­Dänemark dank seines Patienten- und Verschreibungsregisters mehrere Gesundheitsstudien veröffentlicht. Natürlich kann ein «staatliches» Gesundheitssystem kritisch gesehen werden. Man sollte jedoch auch seine Vorteile anerkennen.

Ein Fazit aus dieser ­Studie ist, dass ältere Patienten unter Vitamin-K-Antagonisten, wenn sie neurologische Probleme, selbst leichter Art, zeigen, auf ein chronisches subdurales Hämatom untersucht werden sollten, da dies behandelt werden kann!

Ferner scheinen die neuen oralen Antikoagulanzien sicherer zu sein als Vitamin-K-Antagonisten, welche in einer möglicherweise nicht allzu fernen Zukunft nur noch Erinnerung sein könnten.

Gaist D, et al. JAMA. 2017;317(8):836–46.

http://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2605799

Prof. Dr. med. Antoine de Torrenté

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